Einführung in die Welt der Zertifikate

Wesen

Zertifikate gelten zwar rechtlich als Schuldverschreibung, tatsächlich aber beinhalten und verbriefen sie eine Wette auf Eintritt einer ganz bestimmten Bedingung (DAX steigt binnen eines Jahres über 6000 Punkten, Daimler- Aktie fällt nicht unter 30 Euro, DIVDAX steigt stärker als DAX usw.). Die Bedingung ist völlig willkürlich.

Gewinnt man die Wette, erhält man als Anleger in der Regel einen Ertrag, der deutlich über den üblichen Kapitalmarktzinsen für festverzinsliche Wertpapiere liegt.

Kehrseite dieser positiven Aussicht ist aber nahezu immer, dass man bei Nichteintritt der Bedingung (oder bei Eintritt einer Nebenbedingung) sehr große Verluste erleidet.

Arten

Die Welt der Zertifikate ist in den letzten Jahren rasch unüberschaubar geworden. Fast täglich werden neue und zunehmend immer kompliziertere Zertifikate herausgegeben. Die Phantasie der Produktdesigner erscheint unerschöpflich (z.B. „Twinwin“, „Expander“, „Pepp“, „Airbag“, „Advantage“, „Zinsfix Control“, „Mini Future“ oder „Highflyer“). Die Bezeichnungen sind zwar originell, lassen aber keine direkten Rückschlüsse auf den Charakter und die genaue Funktionsweise des jeweiligen Zertifikats zu.

Zudem werden die Begriffe völlig unsystematisch verwendet. Einzelne Zertifikatsarten werden unter verschiedenen Bezeichnungen angeboten, andere Bezeichnungen werden von verschiedenen Anbietern unterschiedlich verwendet. Namen, die sich auf die Funktionsweise des Zertifikats beziehen („Hebel“), stehen in einer Reihe mit solchen, die die Laufzeit („Endlos“) oder den Basiswert beschreiben („Index“).

Die Kompliziertheit vieler Zertifikate und der angesprochene Begriffswirrwarr sind sicherlich vor allem dafür verantwortlich, dass die meisten Geldanleger diese Produkte letztlich nicht verstehen, obwohl sie diese Produkte alleine in Deutschland in Milliardenumfang gekauft haben.

Wir möchte Ihnen daher zumindest eine einheitlich und in sich stimmige Typologie und Gliederung sowie eine verständliche Beschreibung der wichtigsten Zertifikatstypen an die Hand geben, damit Sie als Anleger zumindest über ein Grundverständnis verfügen, wenn Sie mit Ihrem Anlageberater einmal oder wieder einmal über Zertifikate sprechen sollten.

Hinweis nur für Zertifikatsexperten: Wir verwenden den Begriff Partizipationszertifikat (=Beteiligungszertifikat) als Oberbegriff für Kurszertifikate und Indexzertifikate. Hebelzertifikate wiederum sind Unterformen von Kurs- und Indexzertifikaten, wenn das Zertifikat die Kurs- oder Indexentwicklung verstärkt.


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Wichtig

Entscheidend für die Rückzahlungsgarantie eines Zertifikats sind nicht noch so schöne Produktbezeichnungen mit Begriffen wie "Safe", "Garant", "Garantieanleihe" oder "Multi-Chance", sondern die genauen Formulierungen in den Ausgabebedingungen, die oftmals viele Seiten lang und schwer durchschaubar sind.

So müssen Sie seit der Finanzkrise sogar prüfen, ob sich der Kapitalschutz bzw. die Garantie überhaupt auf das Zertifikat beziehen – und nicht auf die Bank, die das Zertifikat herausgibt. Gerade die Banken, die sich in der Finanzkrise verzockt haben und nur durch staatliche Hilfe gerettet werden konnten, werben jetzt nämlich mit dieser staatlichen Garantie für ihre Bank und verfälschen damit den Begriff „Garantiezertifikat“.  

Auch „Airbag“ bedeutet keineswegs eine Absicherung gegen Verluste, sondern kennzeichnet die Index- oder Kursgrenze, ab der Sie Verlust machen werden (z.B. Unterschreiten von 60% des Ausgangskurses).

Zertifikate sind überwiegend in ihrer Funktionsweise sehr kompliziert. Zudem kombinieren sie vielfach unterschiedlichste Wirkungsmechanismen (Indexanbindung an den DAX, aber mit 1 ½-fachen Hebel nach unten und 2-fachem Hebel nach oben, allerdings nur bis zu 140% vom Ausgangsindex etc.).

Eine intensive Auseinandersetzung mit den Ausgabebedingungen des Zertifikats bzw. dem Prospekt und das Berechnen unterschiedlicher Gewinn- und Verlustszenarien bei unterschiedlichen Kursentwicklungen sind daher bei Zertifikaten unbedingt erforderlich. Das gilt auch für Fachleute.

Halten Sie sich im Zweifel an den Grundsatz: Wählen Sie niemals eine Anlageform, die Sie nicht verstehen!

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