Wie entscheiden - mit Bauchgefühl oder mit Vernunft?

Fast alle Menschen entscheiden gefühlsmäßig, auch wenn sie es sich selbst niemals  eingestehen würden. Egal ob Kauf einer Krawatte, eines Autos oder Hauses oder eben Geldanlage – wir entscheiden letztlich fast immer nach Gefühl.

Das gilt übrigens auch für alle Unternehmer, Banker und Manager von internationalen Konzernen oder Kapitalanlagegesellschaften, auch wenn sie noch so schicke Anzüge tragen und noch so intellektuell und kompetent wirken.

Warum handeln wir so?

Vermutlich deswegen, weil wir bei jedem Kauf und jeder Geldanlage eine überaus schwierige und komplexe Entscheidung treffen müssen.

Und dies überfordert uns in der Regel.

War man in den Wirtschaftswissenschaften ursprünglich einmal der Meinung, dass sich jeder Mensch nur nach dem Preis einer Ware richten würde, weiß man inzwischen, dass wir bei jeder Entscheidung versuchen, eine Vielzahl von Einflussfaktoren zu berücksichtigen: Wie viel Zinsen erhalte ich? Kann ich schon vorher über mein Geld verfügen? Ist die Anlage auch wirklich sicher? – aber auch: Glaube ich meinem Bankberater? Gibt es vor der Bank Parkmöglichkeiten? Will ich demnächst umziehen oder heiraten? Habe ich Angst um meine Arbeitsstelle? Befürchte ich erhöhte Steuern für Kapitalanlagen? Erhoffe ich eine neue Regierung? Möchte ich meine Anlageberaterin beeindrucken? Usw. usf.

Jeder Mensch trifft ununterbrochen höchst komplexe Entscheidungen, indem er versucht, eine Lösung zu finden, bei der zahlreiche Merkmale möglichst gut verwirklich werden. Anders formuliert: Man versucht, in einem vieldimensionalen Entscheidungsfeld eine Lösung zu finden, die einem selbst den größtmöglichen Vorteil bzw. Nutzen bringt.

Wilhelm Röpke, einer der gedanklichen Väter unserer ehemaligen Deutschen Mark und der Sozialen Marktwirtschaft, hat dies sehr schön am Beispiel des Kofferpackens für eine Reise illustriert:

Wenn wir einen Koffer packen, verstauen wir alles darin, was uns am wichtigsten ist. Und wenn wir den Koffer fertig gepackt haben, sind uns – zumindest in diesem Augenblick – die Gegenstände im Koffer wichtiger als diejenigen, die neben dem Koffer stehen. Wir glauben, dass uns die Gegenstände im Koffer während der Reise einen höheren Nutzen erweisen werden, als die Sachen in der Wohnung, die wir nicht in den Koffer gepackt haben.

Diesen Vorgang beschrieb übrigens schon Mitte des 19. Jahrhunderts der Wirtschaftswissenschaftler Hermann Heinrich Gossen im Zweitem Gossenschen Gesetz über die Maximierung und den Ausgleich der Grenznutzen.

Dass es vielen Leuten nicht gerade leicht fällt, so komplizierte Entscheidungen zu treffen, verwundert nicht.

Und es ist auch nicht verwunderlich, dass man in solchen Augenblicken dazu neigt, den Entscheidungsprozess abzukürzen und einfach so, nach Gefühl, „aus dem Bauch heraus“ zu entscheiden oder die Entscheidung einem „Zeichen“ (günstiges Horoskop, Zahl Sechs beim Würfeln, steigender DAX usw.) oder einer „höheren Macht“ (Empfehlung eines Experten oder einer Börsenzeitung, Tipp eines Kollegen usw.) überlässt.

Entscheidungen aufgrund eines Gefühls müssen natürlich nicht schlecht oder falsch sein. In vielen Fällen allerdings sind sie es jedoch. Und als Vorgehen bei Geldanlagen sind sie sicherlich nicht empfehlenswert.

Entscheiden Sie daher vernünftig und überlegt. Am besten überlegen Sie mehrmals.
 
Tipps für Geldanleger zum Thema „Vernunft“

  • Wägen Sie Ihre Entscheidungen sorgfältig ab


Entscheiden Sie nicht aus einer plötzlichen Eingebung heraus oder nach Gefühl. Informieren Sie sich sorgfältig und wägen Sie dann die denkbaren Vorteile und die möglichen Nachteile der Geldanlage ab. Dazu muss man kein Experte sein. Einige zentrale Informationen und gesunder Menschenverstand genügen.

  • Sie müssen andere nicht beeindrucken


Haben Sie den Mut, Ihr Nichtwissen zuzugeben und fragen Sie Ihren Anlageberater so lange, bis Sie die Anlage verstanden haben. Sie müssen niemandem imponieren. Sie müssen auch nichts kaufen, auch dann nicht, wenn Ihr Gesprächspartner überhaupt nicht verstehen kann, wie man bei so einer tollen Anlagemöglichkeit nicht sofort zuschlagen kann.

  • Lassen Sie sich nicht drängen


Nicht nur steigende Kurse lösen die Angst aus, man könnte eine gute Gewinnmöglichkeit Chance verpassen. Das könnte tatsächlich auch der Fall sein. Genauso wahrscheinlich aber ist es, dass die Kurse am nächsten Tag wieder fallen und dann müssen Sie sich nicht nur ärgern, dass Sie eine Chance verpasst, sondern dass Sie tatsächlich ohne Not Geld verloren haben.

Lassen Sie sich also Zeit. Schlafen Sie eine Nacht über Ihrer Entscheidung. Wenn Sie Ihr Geld nicht angelegt haben, ist noch nichts Schlimmes geschehen. Haben Sie es aber falsch angelegt, kann es schon verloren sein.

  • Lassen Sie sich nicht überreden


Auch wenn Sie Ihren Berater noch so nett finden, sie ihn nicht enttäuschen möchten oder er ihnen vielleicht sogar leid tut – ignorieren Sie dieses Gefühl, auch wenn Ihnen die Situation unangenehm sein sollte! Sie sind es, die Ihr Geld im schlechtesten Fall verlieren werden.

  • Lassen Sie sich nicht von hohen Renditeversprechungen locken


Aussagen von Wertpapieranalytikern und Spezialisten sind das Geld nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Diese vermeintlichen Experten müssen Ihre späteren Verluste auch nicht tragen. Lassen Sie die Finger von „heißen Tipps“ - angebliche Anlageerfolge von Bekannten oder Kollegen erweisen sich im Nachhinein vielfach als falsch.

  • Lassen Sie sich vor allem nicht von Traumrenditen und noch so tollen Steuersparmodellen blenden. Feste Renditezusagen über 10% ohne jegliches Risiko sind völlig unrealistisch und können nur falsch sein.


Informieren Sie sich möglichst genau, wer hinter der Anlage steckt und was sie genau beinhaltet.

  • Der einzig sichere Maßstab sind Ihre Verlustmöglichkeiten


Vermeintlichen Gewinnchancen sind natürlich verlockend, aber das einzig Sichere bei einer rationalen Pro- und Contra-Abwägung sind Ihre maximalen Verlustmöglichkeiten.

Natürlich sind Geldmarkt-, Immobilien- und Rentenfonds normalerweise relativ sicher und werfen mit großer Wahrscheinlichkeit eine bescheidene bis mittlere Rendite ab, es gibt aber auch solche Fonds mit großen Verlusten.
Natürlich sind Aktienfonds sicherer als eine einzelne Aktie, aber es gibt genügend Fonds, die bei Kurseinbrüchen an der Börse bis zu 90% Verlust gemacht und sich davon bis heute nicht mehr erholt haben.
Natürlich klingen Renditemöglichkeiten von 10 oder 20% bei Zertifikaten oder Aktienanleihen verlockend, aber was ist, wenn die zugrunde liegende Aktie oder der Basisindex durch unvorhersehbare Ereignisse oder weltweite Katastrophen ins Bodenlose stürzen – dann ist ihr Wertpapier binnen kürzester Zeit so gut wie wertlos und Sie müssen Verluste von 50, 80 oder gar 100% hinnehmen!
Es ist sicherlich richtig, dass man richtig große Gewinne nur durch Kurssteigerungen von Aktien machen kann, aber das bedeutet auch richtig große Verluste, wenn die Kurse doch nicht steigen, sondern fallen!
Natürlich sind Schuldverschreibungen von großen Unternehmen oder Banken normalerweise eine sehr sichere Art, mittelfristig sichere Renditen zu bekommen, aber Unternehmen und selbst weltweit operierende Banken können binnen kürzester Zeit insolvent werden, wie wir in der Banken- und Finanzkrise erleben mussten. Geht ein Unternehmen aber in Konkurs, ist im Normalfall Ihr gesamtes Kapital verloren.

Sie sind der Entscheider!

Auch wenn es heute gesellschaftlich anerkannt ist und fast schon schick gilt zuzugeben, dass man von Wirtschaft und Finanzen keine Ahnung habe – Sie sind derjenige, der bestimmt, entscheidet und haftet.

Und Sie sind es auch, der letztlich für diese Entscheidung verantwortlich ist.

Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem basiert auf einem mündigen Bürger und Verbraucher. Dabei existiert weitgehende Vertragsfreiheit. Privatpersonen und Unternehmen können innerhalb der gesetzlichen Grenzen beliebige Verträge abschließen. Der Staat mischt sich in diese Verträge nicht ein.

Kein Richter in Deutschland wird Ihnen daher einen Ersatz für Schäden aus einem Vertrag zusprechen, wenn Sie den Vertrag unterschrieben haben.

Sie werden auch dann keinen Schadensersatz erhalten, wenn Sie den Vertrag unterschrieben haben, ohne ihn vorher durchgelesen zu haben.

Dies auch für Geldanlagen.

Sie können frei entscheiden, wie Sie ihr Geld anlegen wollen. Sie müssen dann aber auch die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen.

Und wenn Sie eben ein Indexzertifikat mit zweifacher Hebelwirkung und Knockout-Bedingung gekauft haben, dann brauchen Sie sich auch nicht beschweren, wenn Sie drei Monate später Ihr Anlagekapital halbiert haben.

Sie sind der mündige Verbraucher, Sie sind der Entscheider – also handeln Sie auch danach!

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